Die falsche Debatte über die „Mallorca-Regel“

  • Von Michael Crass
  • 10. Juni 2026

Mit ihrer Berichterstattung über die sogenannte „Mallorca-Regel“ in Bundesministerien präsentiert die BILD-Zeitung sich einmal mehr als Stimme der hart arbeitenden Bevölkerung.

Der Tenor ist klar: Während normale Arbeitnehmer täglich ins Büro fahren, arbeiten Ministeriumsmitarbeiter angeblich unter Palmen im europäischen Ausland. Das soll Empörung erzeugen.

Doch die eigentliche Frage wird dabei verfehlt.

Für den Steuerzahler ist es letztlich nicht entscheidend, ob ein Referent in Berlin, auf Sylt oder für einige Wochen auf Mallorca an seinem Laptop sitzt. Entscheidend ist, ob die Ministerien ihre Aufgaben erfüllen. Werden Gesetze besser vorbereitet? Werden Verfahren schneller? Werden Probleme gelöst? Produziert der Staatsapparat Ergebnisse, die den Bürgern nutzen?

Die Konzentration auf den Arbeitsort ist typisch für eine Politik und Medienlandschaft, die sich stärker für sichtbare Symbole als für tatsächliche Leistung interessiert. Es ist einfacher, über Homeoffice-Regeln zu diskutieren als über die Frage, warum Deutschland bei Digitalisierung, Infrastruktur, Bürokratieabbau oder Verwaltungsmodernisierung seit Jahren hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek hätte in dieser Debatte vermutlich ein grundsätzliches Missverständnis erkannt. In komplexen Organisationen kann Führung nicht darin bestehen, jede einzelne Tätigkeit zentral zu kontrollieren. Niemand an der Spitze verfügt über alle Informationen, die Mitarbeiter vor Ort besitzen. Deshalb besteht gute Führung nicht darin, das „Wie“ vorzuschreiben, sondern das „Was“ festzulegen.

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür findet sich ausgerechnet im Militär. Der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke entwickelte im 19. Jahrhundert die sogenannte Auftragstaktik. Die Führung definierte Ziele, aber nicht jeden einzelnen Handlungsschritt. Soldaten und Offiziere vor Ort sollten eigenständig entscheiden, wie sie ihre Aufträge erfüllen, weil sie die konkrete Lage besser kannten als die Generäle weit hinter der Front.

Moltke erkannte eine Wahrheit, die Hayek später theoretisch beschrieb: Wissen ist in einer Gesellschaft und in Organisationen verteilt. Wer versucht, jede Entscheidung zentral zu steuern, scheitert an der Komplexität der Realität.

Überträgt man diesen Gedanken auf moderne Ministerien, dann ist die entscheidende Frage nicht, ob Mitarbeiter an einem bestimmten Schreibtisch sitzen. Die entscheidende Frage lautet, ob die Organisation ihre Ziele erreicht.

Eine moderne Verwaltung sollte deshalb nicht Arbeitsorte kontrollieren, sondern Ergebnisse messen. Welche Projekte wurden abgeschlossen? Welche Fristen eingehalten? Welche Verfahren beschleunigt? Welche Kosten eingespart? Welche Leistungen für Bürger verbessert?

Genau dort liegt das eigentliche Problem des deutschen Staates. Wir diskutieren über Anwesenheitsquoten, Homeoffice-Tage und die „Mallorca-Regel“, während gleichzeitig viele staatliche Prozesse langsam, bürokratisch und ineffizient bleiben. Der Fokus liegt auf der Kontrolle von Inputs statt auf der Bewertung von Outputs.

Wer von Leistung spricht, sollte deshalb zuerst die Minister und Ministerien selbst in den Blick nehmen. Nicht die Frage „Wo wurde gearbeitet?“ ist entscheidend, sondern die Frage „Was wurde erreicht?“

Eine Regierung, die ihren Bürgern mehr Leistungsbereitschaft abverlangt, sollte sich an denselben Maßstäben messen lassen. Ziele definieren. Ergebnisse überprüfen. Verantwortung einfordern.

Ob der zuständige Mitarbeiter dabei in Berlin-Mitte oder zeitweise auf Mallorca sitzt, ist dagegen von erstaunlich geringer Bedeutung.

Die eigentliche Pointe lautet: Wer den Arbeitsort kontrolliert, ersetzt Führung durch Aufsicht. Wer Ziele setzt und Ergebnisse misst, schafft die Voraussetzungen für Leistung.

Das hätte Hayek verstanden. Und Moltke vermutlich auch.

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